1o Jahre nach dem Attentat im Shri Guru Ravidass Tempel in Wien

Essay zum Gedenken an den Guru Ramanand Ji, der am 24. Mai 2009 im Wiener Ravidass Tempel von fanatischen Extremisten ermordet wurde

In der Hoffnung auf Versöhnung ruft die Glaubensgemeinschaft Ravidass zum gemeinsamen Friedensmarsch auf.

 

  • Der Anschlag belastet das Verhältnis zwischen der Sikh-Community und den Ravidass Mitgliedern bis heute.

  • Ravidassias haben Angst vor weiteren Attentaten.

  • Auch Sikhs kämpfen mit Vorurteilen im Alltag.

Das Attentat:

Guru Sant Rama Anand (rechts), wurde.von Sikh Extremisten ermordet. Guru Sant Niranjan Dass (links), wurde durch Schusswunden schwer verletzt.

Am 24. Mai 2009 kam es in der vollbesetzten Ravidass-Gebetsstätte in Wien-Fünfhaus gegen 13 Uhr zu einer Schießerei während des Gottesdienstes. Sechs Sikhs mit blau-gelben Turbanen attackierten mit einer Pistole und zwei Messern die Prediger. Die Anwesenden überwältigten die Angreifer, wobei über ein Dutzend Menschen verletzt wurden und einer der Prediger, Guru Sant Rama Anand (57), getötet wurde. Auch ein anderer Guru, Sant Niranjan Dass (68), wurde durch Schusswunden schwer verletzt. Er überlebte die Attacke.

Die sechs Täter wurden als extremistische Sikhs identifiziert und sind scheinbar aus Spanien angereist.

Nach dem Vorfall kam es zu einer grenzübergreifenden Eskalation des Konfliktes zwischen den beiden Gruppen: z. B. gab es im Bundesstaat Punjab, der Heimat der meisten Sikhs und Ravidassias nach dem Vorfall blutige Ausschreitungen und Ausgangssperren.

Hintergrund des Konflikts:

Die Hintergründe des Vorfalls führen in die Grundlagen beider Religionen. Obwohl eine klare Trennung der beiden Gruppierungen erst durch das 2009 stattgefundene Attentat ausgelöst wurde, gibt es zwischen den Sikhs und den Ravidassias schon lange einen schwelenden Konflikt.

Der Sikhismus wurde im 15. Jahrhundert in Indien als Reformbewegung des Hinduismus mit islamischen Elementen gegründet. Der letzte Guru, Gobind (1666 bis 1708) lehnte einen Nachfolger ab, weil die Gefahr einer Spaltung der Gemeinschaft bestand. Er ernannte vielmehr das heilige Buch, in dem die Lehren der zehn Gründerväter stehen, zum nächsten Guru. Seither kommt dem heiligen Buch Sri Guru Granth Sahib die Würde eines zentralen Gurus zu.

Auch die Ravidass Gemeinschaft wird als Reformströmung gesehen. Vor dem Anschlag wurde sie noch zu den Sikhs gezählt, weil ihre Gläubigen ebenfalls den Guru Granth Sahib verehren. Ravidass sieht sich aber schon lange als eigenständige Strömung und kritisiert das unterschwellige Kastenbewusstsein und die Diskriminierung niedriger Kasten, die sie noch immer bei den Sikhs wahrnehmen, so Some Dev, der damalige Präsident der Ravidass Gemeinschaft in Wien.

Die wirklichen Hintergründe des Vorfalls sind noch immer nicht geklärt. Indologen gehen davon aus, dass der Konflikt historische Wurzeln in Indien hat. Die Ravidassias meinen, dass die niedrigen Kasten ihrer Anhänger ein Problem für die Sikhs darstellten. Die Sikhs wiederum sehen den Grund darin, dass das Heilige Buch von den Ravidassias “ungut” behandelt wurde…

Den beiden Gurus, die aus Indien anreisten, wurde mehr Respekt gezollt als dem heiligen Buch, berichtet Gursharan Singh. Da das Buch von den Sikhs als Guru verehrt wird, kommt dies einer Provokation gleich, die in der Form bereits in Großbritannien und in Spanien für Unruhen gesorgt hatte.

Klare Spaltung nach dem Attentat

Die Ravidass Religion ist eine Abspaltung der Sikhs. Im Grunde ist es eine Religion des neuen Millenniums, die von den Anhängern der Ravidass Lehre gegründet wurde, ausgelöst durch den Mord ihres verehrten Gurus Ramanand Dass in Wien (2009). Nach der grauenvollen Bluttat deklarierte sich die Bewegung als neue Religion, die sich von den Sikhs klar distanziert. Die Ravidass kompilierten auch ein neues heiliges Buch, Amritbani Guru Ravidass Ji. Diese heilige Schrift basiert total auf den Schriften und Lehren von Ravidass und beinhaltet 240 Hymnen.

So heißt es in einer Ravidass Erklärung von 2009 (Question of Dalit Identity in Punjab): „Wir, als Ravidassias, haben eine andere Tradition. Wir sind keine Sikhs. Trotzdem zollen wir den 10 Gurus und Guru Granth Sahib unseren höchsten Respekt, jedoch Guru Ravidass Ji ist unsere allerhöchste Instanz…“.

Nach dem Vorfall war die Stimmung den Sikhs gegenüber schlecht. Singh berichtete, dass Sikhs in öffentlichen Verkehrsmitteln “blöd angeredet” wurden. “Dieser Vorfall hat den Namen der Sikhs sehr geschädigt.” Die Community sei aus diesem Grund verunsichert, beschreibt ein anderer Sikh die Stimmung.

Dagegen herrschte nach dem Attentat unter den Ravidassias vor allem Angst vor den “Terroristen” und vor weiteren Anschlägen. Auch das Verhältnis zu den Sikh-Gemeinschaften sei seit dem Vorfall nicht gut, berichtete Dev.

Mitglieder der Wiener Ravidass Gemeinde bei einem FOREF Interview (April 16, 2019).

Die Ravidass Gemeinschaft mit ihrem Gebetsraum in Wien-Fünfhaus hat in Wien etwa 450 Anhänger, schätzt Narinder Pal Chopra, der neue Präsident der Ravidass in Österreich. Das wären genug Mitglieder um den Status einer Bekenntnisgemeinschaft zu beantragen (bis dato haben 9 religiöse Gruppen diesen Status). P. Chopra, ein IT Experte und Webdesigner erzählte in einem FOREF Interview, dass ein Antrag an das Kultusministerium schon in die Wege geleitet wurde.

Auch Sikhismus ist in Österreich noch keine anerkannte Religion, was gewisse Nachteile nach sich zieht. Die Feiertage werden nicht anerkannt und auch die Namensgebung für die Kinder sei ein Problem. Auch andere Privilegien der anerkannten Religionsgemeinschaften (derzeit 17) werden den Sikhs dadurch vorenthalten. Schätzungen über die Mitgliederanzahl der Gruppe divergieren stark. Man geht von etwa 17.000 Sikhs in Wien aus, Angehörige und Kinder mitberücksichtigt.

Anhaltennde Diskriminierung durch das Kastensystem

Obwohl die Kasten seit Indiens Unabhängigkeit und der darauffolgenden Verfassung sukzessive – rein rechtlich gesehen – abgeschafft wurden, hat sich in der Realität leider nicht viel geändert. Das uralte System hat tiefe religiöse und kulturelle Wurzeln. Am schwersten sind die Dalits (Unberührbare) davon betroffen. Davon gibt es in Indien immer noch 166 Millionen. Darüber hinaus sind zahlreiche Hindus zum Islam, Christentum und dem Buddhismus konvertiert um der Diskriminierung und dem Stigma des Kastensystems zu entkommen.

Das indische Kastensystem – Viele Ravidassias als Shudras und Dalits leiden heute noch unter dem rigidem Kastensystem

Die Unberührbaren: “Kinder Gottes” oder Unterdrückte?

Etwa 16,6 Prozent der indischen Bevölkerung werden laut der Volkszählung von 2011 als Scheduled Castes (oder “Unberührbare”) klassifiziert, die zum größten Teil unter ärmlichen Bedingungen leben. In der Kasten-Hierarchie wird gerade die Grenze zu den untersten Kasten besonders betont. “Unberührbare” müssen vielfach, räumlich getrennt, in Siedlungen außerhalb der Dörfer leben. Sie werden, wenn auch nach indischer Gesetzgebung illegal, oft am Betreten von Tempeln oder an der Benutzung von Brunnen gehindert.

Dr. Ambedkar: Vater der indischen Verfassung und Kämpfer gegen die Diskriminierung durch das das Kastensystem

Schon in den 1930er Jahren bekämpften zwei große Inder, nämlich Gandhi und Dr. Ambedkar, mit verschiedenen Methoden gegen das Kastensystem an. Obwohl sich Gandhi durch seinen gewaltlosen Kampf für die indische Unabhängigkeit (1947) verdient gemacht hat, entwarf Dr. Ambedkar Indiens Verfassung und hat damit den Weg zur Überwindung des Kastensystems geöffnet.

Ambedkar sah die “Unberührbaren” gegenteilig zu den Kasten-Hindus und forderte ihre Loslösung von der Kastenordnung. Er kämpftegegen die soziale Diskriminierung durch das System der Kategorisierung der hinduistischen Gesellschaft (Kastenwesen).

Gandhi wollte dagegen das Kastensystem reformieren und von “Unberührbarkeit” als negativem Auswuchs reinigen. Aus diesem Denkenentspringt auch der von Gandhi geprägte Begriff Harijan, der besagt, dass auch Menschen außerhalb der Kastenordnung Kinder Gottes seien. Viele “Unberührbare” bezeichnen sich heute dagegen selbstbewusst als Dalits (Unterdrückte), da ihnen der Begriff Harijan zu paternalistisch erscheint. Sie akzeptieren die ihnen zugewiesene niedere Position nicht.

Im Gegensatz zu Gandhi stammte Ambedkar nicht aus der Elite, sondern aus der untersten Bevölkerungsschicht, den Dalits (Unberührbaren). Weniger bekannt ist seine Zughörigkeit zur Ravidass Gruppe. Kurz vor seinem Tod (1956) bekehrte er sich zum Buddhismus. Dadurch setzte er ein Zeichen seiner tiefgründigen Ablehnung des Kastensystems, was wiederum eine Welle der Massenkonversion von hunderttausenden Dalits auslöste.

In einer im Auftrag von History TV und CNN durchgeführten Umfrage, wer der größte Inder nach Gandhi sei, erhielt B. R. Ambedkar im Juli 2012 die meisten Stimmen.

Zukunftsperspektive und Hoffnung der Ravidass Gemeinschaft:

Guru Ramanand Ji kam damals im Zuge einer Europatour nach Wien um Hoffnung und Zuversicht an die vielgeprüften Nachfolger seiner Gemeinschaft zu vermitteln. Leider war es seine letzte Reise. Er sah es als seine Hauptmission, den Unterprivilegierten zu helfen und die Ungerechtigkeiten im Klassensystem zu beseitigen.

Niemand hat die Hoffnung und den Friedenstraum der Ravidassias treffender formuliert als ihr Märtyrer. Seine Worte erinnern an die letzte Predigt von Dr. Martin Luther King, der in seiner prophetischen Mountaintop Rede „I have a dream“ die er noch kurz vor seiner Ermordung hielt und die bis heute viele Menschen zu Tränen rührt.

Guru Ramanand Ji: „Ich träume von einem System, in dem jeder genug zu essen hat und wo gleiche Rechte für alle gelten. Niemand sollte an Hunger sterben. Ravidass wird glücklich sein, wenn wir ein Land sehen, wo es keine Diskriminierung zwischen niederen und oberen Kasten gibt!“


Peter Zöhrer – FOREF Europe

Hintergrund Infos/Links: 

 

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